Der Arbeitsplatz

Der Schreibtisch, an dem (Vergessene) Legenden entstehen …

Während eines unverhofften Streifzugs durch die Scheune meiner Eltern bin ich im Jahre 2009 auf den alten Schreibtisch meines Uropas gestoßen. Der Sperrmüllfall sollte eigentlich entsorgt werden.  Er war holzwurmzerfressen, voller Motoröl und hatte unzählige weitere Leiden. Doch irgendwie zog mich der Schreibtisch in seinen Bann und so wurde er ohne Aufhebens noch abends ins Auto geräumt und in die Werkstatt des Marburger Kulturzentrums Waggonhalle gebracht (wo ich zu dieser Zeit meine Berufsausbildung absolvierte).

 

 

 

 

 

Mit dilettantischer Naivität dachte ich zunächst, das vormalige Kleinod alleine restaurieren zu können. Doch noch ehe ich im Stande war, meine unterschätzte Unkenntnis auszuprobieren, kam plötzlich ein Restaurationsfachmann zu mir herein. So kam es glücklicherweise, dass die Liebe auf den ersten Blick für mein altes Erbstück auch sofort in ihm aufloderte.

 

 

 

 

 

Mit der gemeinsamen Vision, dieser „Familien-Reliquie“ neues Leben einzuhauchen, leitete mich der Experte Abend für Abend, Wochenende für Wochenende, an, dem Schreibtisch seinen alten Glanz zurückzubringen. Da wir nur gelegentlich und in kleinen Schritten arbeiten konnten, zog sich das Projekt, ähnlich einer Schwangerschaftsperiode, etwa neun Monate hin. Das Motoröl wurde durch eine Salmiakgeist-Lösung unter Mühen und Anstrengung sowie dem stundenlangen beißenden Geruch in der Nase wieder aus dem Holz gesogen. Durch zunächst grobe bis immer feiner werdende Schleifvorgänge wurden die Tischflächen wieder geglättet. Morsches und zu stark dezimiertes Holz wurde durch neues ersetzt. Alte Schrauben und Nägel wurden dem „eichernen“ Patient gezogen. Das modrige alte Spannfilz wurde samt Tischplatte verbannt und eine neue mit frisch aufgeleimtem grünem Billard-Filz eingesetzt. Die verrosteten Schlösser und Scharniere konnten wir reparieren, beim Antiquitätenversand neue Beschläge und Schlüssel erhalten und das angelaufene Messing alter Verzierungen wieder strahlend aufpolieren.

 

 

 

 

 

Mit Schelllack wurden die Weichholzstellen eingepinselt, mit brauner Beize die Eiche bestrichen. Schließlich versiegelten wir den nunmehr fast fertigen Schreibtisch großflächig mit Treppenlack, ehe die unlängst bestellten grünbraunen Fensterscheiben aus der Glaserei mit aufwendig hergerichteten Leisten wieder vorsichtig in die Rahmen eingesetzt wurden.

Und – tatsächlich – im Herbst 2009 hatte ich in meiner Heimstätte einen stolzen neuen „Arbeitsplatz“.

 

 

 

 

 

Von dort versende ich seitdem meine Emails, schreibe Briefe, stöbere im Internet und lasse (die Vergessenen) Legenden entstehen.

In diesem Schreibtisch steckt der altehrwürdige Geist meiner Vorfahren väterlicherseits. Ich hoffe, man merkt es meinen Büchern an …